{"id":204,"date":"2017-01-06T16:02:16","date_gmt":"2017-01-06T16:02:16","guid":{"rendered":"http:\/\/projektklinik.de\/?p=204"},"modified":"2017-07-18T08:37:39","modified_gmt":"2017-07-18T08:37:39","slug":"tabu-probleme-anderer-leute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/projektklinik.de\/?p=204","title":{"rendered":"Tabu: Probleme anderer Leute"},"content":{"rendered":"<p>Ich behaupte, dass es einer der gr\u00f6\u00dften Problemausl\u00f6ser in Projekten und tats\u00e4chlich auch im sonstigen Leben ist, anderer Leute Probleme zu l\u00f6sen.<br \/>\nGlauben Sie nicht? Ein paar Beispiele:<\/p>\n<p>In erstaunlich vielen Festpreis-Projekten wird die Spezifikation erst nach der Beauftragung des Dienstleisters fertiggestellt. Mein Lieblingsbeispiel ist ein Projekt vor einigen Jahren, bei dem ich f\u00fcr einen Teil des Projekts\u00a0selbst eine sehr vage Wildcard (&#8222;muss alles k\u00f6nnen, was das heutige System auch kann&#8220;)\u00a0in die Leistungsbeschreibung schrieb. Die guten Absichten dahinter: Das Team soll wegen der knappen Deadline schon mal anfangen zu arbeiten. Der Dienstleister will den Auftrag haben und deshalb dem Kunden entgegen kommen. Effekt: Der Abschluss der Spezifikation verz\u00f6gert sich, weil der Kunde sieht, dass es ja trotzdem vorangeht. Entwickelt das Team etwas, das er gar nicht haben wollte, kann er immer noch sagen: das war gar nicht so spezifiziert. Vielleicht entwickelt das Team auch eine hypergenerische eierlegende Wollmilchsau, um jeder potentiellen Anforderung des Kunden entsprechen zu k\u00f6nnen &#8211; wenn sie denn irgendwann kommt. Gleichzeitig streitet der Auftragnehmer um jede &#8222;neue&#8220; Anforderung, um im Budget bleiben zu k\u00f6nnen, oder er verlangt immer wieder Budgeterh\u00f6hungen. Enorme Reibungsverluste sind die Folge.<\/p>\n<p>Das Projektteam hat versucht, das Problem des Kunden zu l\u00f6sen, die Spezifikation nicht vor Projektbeginn fertigzustellen.<\/p>\n<p>Der Freiberufler beginnt mit der Arbeit, obwohl er noch keinen Vertrag hat (&#8222;Vertrag ist irgendwo im Einkauf unterwegs. Machen Sie sich keine Sorgen.&#8220;). Effekt: Der Vertragsabschluss zieht sich, und die Verhandlungsposition der Freiberuflers \u00fcber die Bedingungen des Auftrags wird schw\u00e4cher und schw\u00e4cher. Im Extremfall hei\u00dft es dann am Ende: &#8222;Ihre Rechnung zahle ich nicht, wir hatten doch noch gar keinen Vertrag!&#8220; Der Freiberufler muss vor Gericht ziehen und wird ggf. nur ein &#8222;markt\u00fcbliches&#8220; Honorar aufgrund der offensichtlich erbrachten und vom Auftraggeber nicht gestoppten Leistung nachfordern k\u00f6nnen, das deutlich unter dem angestrebten liegt.<\/p>\n<p>Der Freiberufler hat das Problem des Auftraggeber zu l\u00f6sen versucht, die eigenen Prozesse nicht im Griff zu haben oder die Beauftragung nicht rechtzeitig angesto\u00dfen zu haben.<\/p>\n<p>Das andere Teilteam sollte eine Schnittstelle zum Import von Daten liefern. Sie wird nicht rechtzeitig fertig. Das konsumierende Teilteam programmiert also erstmal gegen einen Mock. Die Schnittstelle ist immer noch nicht fertig. Das Team programmiert die Schnittstelle heroisch selbst, erreicht daf\u00fcr aber nicht die eigenen Ziele.<\/p>\n<p>Die gelieferte Datenqualit\u00e4t ist grauenvoll. Weil der Zulieferer der Daten so schwer greifbar ist, entwickelt das Team \u00fcber Wochen einen Bereinigungsalgorithmus und hochflexible Darstellungsmechanismen.<\/p>\n<p>Ein Team-Mitglied performt einfach nicht, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer. Die restlichen Team-Mitglieder wollen keine Kollegenschweine sein, decken den Minderleister und arbeiten selbst eine Stunde mehr am Tag, erst \u00fcber Tage, dann Wochen, dann Monate.<\/p>\n<p>Die Deadline f\u00fcr das neue Projekt ist viel zu eng gesetzt, das Verkaufsteam sagt dem Auftraggeber trotzdem zu, die Entwickler beginnen einen &#8222;Todesmarsch&#8220; mit zehn Stunden Arbeit t\u00e4glich und Wochenendarbeit, oft in dem Wissen, dass die Aufgabe dennoch nicht zu schaffen ist.<\/p>\n<p>Das Management schafft es einfach nicht, auch nur grundlegende Vorgaben zur Arbeitsweise, Qualit\u00e4tsanforderungen und Zielen der Software-Entwicklung zu machen. Die Teams organisieren selbst\u00e4ndig Workshops und Seminare, um das F\u00fchrungsdefizit auszugleichen. Effekt: Ein Glaubenskrieg zwischen den Teams und am Ende innerhalb der Teams geht los, ob Scrum oder Kanban, Merging oder Baselining, sind Senior-Software-Ingenieure mehr verantwortlich f\u00fcr ein Team-Ergebnis als &#8222;normale&#8220; Ingenieure, Cloud oder nicht&#8230; und viel Zeit und Motivation gehen verloren.<\/p>\n<p>Das Management l\u00e4sst die Teams in hallende Gro\u00dfraumb\u00fcros mit zu wenig Besprechungsr\u00e4umen ziehen. Niemand kommt mehr in den Flow, die Arbeitsleistung sinkt um 50-75%. Die Entwickler behelfen sich mit Noise-Cancelling-Kopfh\u00f6rern oder kommen besonders fr\u00fch oder bleiben besonders sp\u00e4t, weil es da ruhiger ist. In den regul\u00e4ren Arbeitszeiten wird entweder kaum noch miteinander gesprochen, weil es ja alle st\u00f6rt, oder es schert sich niemand mehr um den Krach, denn es erwartet ja eh niemand mehr hohe Leistungen.<\/p>\n<p>Der Abteilungsleiter trifft einfach keine Entscheidungen. Die Mitarbeiter entwickeln telephatische Kr\u00e4fte um herauszufinden, was der Chef denn wohl wollen k\u00f6nnen w\u00fcrde und arbeiten unter Annahmen. Der Chef staucht die Mitarbeiter im Problemfall zusammen (&#8222;Das habe ich nie so entschieden!&#8220;) und streicht im Erfolgsfall die Lorbeeren ein.<\/p>\n<p>Fallen Ihnen mehr Beispiele ein?<\/p>\n<p>Mein Tipp: L\u00f6sen Sie nicht anderer Leute Probleme bzw. nehmen sie nicht anderen ihre Verantwortung ab. Weisen Sie den Verantwortlichen auf sein Problem hin und bieten sie die Hilfe an, die Sie im Rahmen Ihrer F\u00e4higkeiten, M\u00f6glichkeiten und der eigenen Verantwortung leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich behaupte, dass es einer der gr\u00f6\u00dften Problemausl\u00f6ser in Projekten und tats\u00e4chlich auch im sonstigen Leben ist, anderer Leute Probleme zu l\u00f6sen. Glauben Sie nicht? Ein paar Beispiele: In erstaunlich vielen Festpreis-Projekten wird die Spezifikation erst [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,55],"tags":[86,28,12],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/projektklinik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/204"}],"collection":[{"href":"https:\/\/projektklinik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/projektklinik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/projektklinik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/projektklinik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=204"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/projektklinik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/204\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":226,"href":"https:\/\/projektklinik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/204\/revisions\/226"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/projektklinik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=204"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/projektklinik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=204"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/projektklinik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=204"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}