{"id":199,"date":"2017-01-06T16:32:08","date_gmt":"2017-01-06T16:32:08","guid":{"rendered":"http:\/\/projektklinik.de\/?p=199"},"modified":"2017-01-06T16:32:08","modified_gmt":"2017-01-06T16:32:08","slug":"wider-den-kompliziertismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/projektklinik.de\/?p=199","title":{"rendered":"Wider den Kompliziertismus!"},"content":{"rendered":"<p>Die Welt ist ein ungeheuer komplexer Ort.<\/p>\n<p>Alle Dinge interagieren st\u00e4ndig aufgrund physikalischer, chemischer und evolution\u00e4rer Gesetze miteinander.<br \/>\nDie Interaktion zwischen Menschen ist mit enormen Komplexit\u00e4ten behaftet.<\/p>\n<p>Zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, L\u00e4ndern, St\u00e4dten, manchmal sogar Stadtteilen und ganz sicher aus unterschiedlichen sozialen Herk\u00fcnften gibt es enorme Unterschiede.Jeder Mensch ist anders. Jeder Mensch hat zeitabh\u00e4ngige Stimmungen.<\/p>\n<p>Die Systeme, die wir in IT-Projekten bauen, sind manchmal ganz einfach. Als Modelle der physisch-technischen, sozialen oder kulturellen Wirklichkeit aber oft sehr, sehr komplex.<\/p>\n<p>Schon kleinste Abweichungen im Verst\u00e4ndnis oder der Definition eines Begriffs k\u00f6nnen weitreichende Folgen in der Systemmodellierung haben. Beispiel: Die Modellierung der Ehe in einem IT-System: Nur zwischen Mann und Frau? Zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern? Jeweils wie vielen Personen welchen Geschlechts? In welchem Mindestalter? Was sind die damit verbundenen Rechtsg\u00fcter? Was, wenn die Ehe im Ausland geschlossen wurde, wo andere Regeln gelten? Welchen Einfluss haben gemeinsame voreheliche oder aus fr\u00fcheren Partnerschaften stammende Kinder? Spielt die kirchliche Trauung irgendeine Rolle?<\/p>\n<p>Die Welt ist komplex, keine Frage.<\/p>\n<p>Was ist die angemessene Reaktion darauf?<\/p>\n<p>Einige Menschen bl\u00e4hen ihre Einsch\u00e4tzung jedweder Aufgabe grunds\u00e4tzlich und systematisch auf. Komplex ist f\u00fcr sie das Gleiche wie\u00a0kompliziert. Sie\u00a0vermuten und ber\u00fccksichtigen vorauseilend schon einmal alle denkbaren (und im Zweifel auch nicht denkbare)\u00a0technischen, organisatorischen und fachlichen Komplikationen\u00a0\u2013 und\u00a0schlagen am Ende noch einen Risikoaufschlag drauf.<br \/>\nWenn ein Satz in einer Anforderung komplizierter oder weniger kompliziert interpretiert werden kann, w\u00e4hlen sie immer die kompliziertere Interpretation. Sie w\u00e4hlen die kompliziertesten Architekturen und Implementierungsmuster, betreiben furchtlos das Aufh\u00e4ufen technischer Schuld. Aufwands- und Preisabsch\u00e4tzungen treiben sie per Hau-den-Lukas in die H\u00f6he, bis die Glocke klingelt.<br \/>\nProvokant formuliert: Komplexit\u00e4t wird zur Ideologie der Kompliziertheit, zum Kompliziertismus. Alles ist irre kompliziert und kaum beherrschbar, lasst es uns noch komplizierter machen.<\/p>\n<p>Warum macht jemand das? Angst, die Aufgabe zu untersch\u00e4tzen. Fr\u00fchere schlechte Erfahrung. \u00dcberforderung, durch die ein paar B\u00e4ume wie ein gro\u00dfer, dunkler Wald aussehen. Viel Feind, viel Ehr. Geldschinderei gegen\u00fcber dem Kunden. Ressourcenschinderei gegen\u00fcber dem eigenen Chef. Vorauseilende Begr\u00fcndung f\u00fcr das eigene Versagen (&#8222;ich hab ja gleich gesagt, dass das irre komplizert ist&#8220;). Aufbl\u00e4hen der eigenen Wichtigkeit und demonstratives Zur-Schau-Stellen kritischen Denkens.<\/p>\n<p>Einfachste oder zumindest in der Regel gut beherrschte Dinge werden so m\u00fchelos zu kaum \u00fcberwindbaren H\u00fcrden, zu Sorgen, zu Angstbergen, zu Problemen.<\/p>\n<p>Ich bin sehr erfolgreich mit dem gegenteiligen Ansatz. Ich glaube, dass es die Aufgabe von Projektleitern, Architekten und Beratern ist, die jeweils eleganteste und damit oft einfachste L\u00f6sung zu finden.<\/p>\n<p>Ich gehe dabei oft zun\u00e4chst von der naivstm\u00f6glichen Annahme aus. Wie w\u00fcrde die einfachste L\u00f6sung aussehen?<br \/>\nNat\u00fcrlich bleibt die L\u00f6sung dann meist nicht so einfach. Ich schaue dann, welche zus\u00e4tzliche Komplexit\u00e4t ich unbedingt ber\u00fccksichtigen muss. So wird die L\u00f6sung Schritt f\u00fcr Schritt komplexer, aber in einer sehr kontrollierten Weise und nur auf Basis von verifizierten Annahmen.<\/p>\n<p>Jederzeit beachte ich Vereinfachungsm\u00f6glichkeiten: Welche Anforderungen sind \u00e4hnlich und k\u00f6nnen generisch behandelt werden? Wo bestehen Anforderungen nur noch aus historischen Gr\u00fcnden, die heute eigentlich keine Bedeutung mehr haben?<br \/>\nWo kommt die Anforderung \u00fcberhaupt her? Wenn es niemanden mehr gibt, der wei\u00df, warum es eine Anforderung gibt, ist sie vielleicht obsolet.<\/p>\n<p>Oder als Scum Master\/Agile Coach: Muss der Prozess wirklich so aufw\u00e4ndig sein? Muss wirklich eine monatelange Tool-Auswahl gemacht werden oder wei\u00df das Team eh schon, welches der Sieger sein wird? Braucht es eine Earned-Value-Analyse oder reicht ein einfaches Burndown?Braucht es wirklich ein Zehn-Mann-Team oder wird nicht alles viel einfacher, wenn man zwei F\u00fcnf-Mann-Teams bildet? Hat das Sprint Commitment f\u00fcr dieses Team wirklich einen Mehrwert oder performt es auch ohne optimal?<br \/>\nMuss wirklich in Story Points gesch\u00e4tzt werden oder reichen Personentage?<\/p>\n<p>Das Ziel: Die ohnehin schon komplexe Welt nicht ohne Not kompliziert machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt ist ein ungeheuer komplexer Ort. Alle Dinge interagieren st\u00e4ndig aufgrund physikalischer, chemischer und evolution\u00e4rer Gesetze miteinander. Die Interaktion zwischen Menschen ist mit enormen Komplexit\u00e4ten behaftet. 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