Hinterm Horizont geht’s manchmal nicht weiter

Im Jahr 2010 machte ich mit meiner Familie eine lange Reise nach Vancouver Island vor der Westküste Kanadas. Im fantastischen Strathcona Provincial Park unternahmen wir mit einer befreundeten Familie von einem Campingplatz am Buttle Lake aus eine Wanderung auf dem Flower Ridge Trail, der auf einem schneebedeckten Gipfel mit grandioser Aussicht über die ganze Insel enden sollte.

Stunde um Stunde liefen wir steil bergauf… und immer wieder hatten wir den Eindruck, hinter dem vor uns liegenden Buckel müsse nun endlich der ersehnte Gipfel liegen. Wir motivierten die Kinder (“Kommt, nur noch bis dort hinten!”) und uns selbst, die Gedanken wanderten zu den Vorräten, die dem Gipfelschmaus zum Opfer fallen sollten und wir korrigierten noch einmal den Sitz der Rucksäcke, um voller Elan diese vermeintlich letzte Anhöhe zu erklimmen.

Aber Pustekuchen. Mal um Mal stellte sich heraus, dass dahinter nur einfach der nächste, vielleicht sogar noch steilere Buckel wartete. Nach dem dritten oder vierten Effekt dieser Art, fingen wir an zu lachen und Witze darüber zu machen, während die Kinder langsam nölig wurden. Bei einer Rast an einem kleinen Teich, den nächsten Höhenrücken vor uns, hatte eines der Kinder einen hysterischen Anfall.

Wir überwanden schließlich weitere drei Bergschultern, bis wir aufgrund der fortgeschrittenen Zeit auf einer Art “Untergipfel” beschlossen, den höchsten Punkt unserer Wanderung erreicht zu haben und uns nach ausführlichem Picknick an den Abstieg machten.

Diese Art von Effekt nennt man “Receding Horizon Problem”, das Problem des zurückweichenden Horizonts.

Immer wieder scheint das Ergebnis, das Ziel, in Reichweite zu liegen, aber beim nächsten Überprüfen der eigenen Position stellen wir fest, dass es wieder weiter von uns fortgerückt ist – in wiederum scheinbare Reichweite. Wie Odysseus’ Sirenen lockt uns das wegeilende Ziel weiter, immer weiter. “Nur noch ein kleines Stückchen, noch eine überschaubare Anstrengung, bald sind wir da und dann löst sich alles in Zufriedenheit und Glückseligkeit auf.”

Nur dass es nicht so ist. Wir investieren immer mehr Zeit, Kraft, Geld, Emotionen und sonstige Ressourcen. Und weil die jeweils nächste Investition ja nur so klein zu sein scheint (und wir ja auch schon so viel investiert haben!), machen wir das viel zu oft bis weit hinter den “Point of No Return” hinweg.

Dieser Punkt ist der, ab dem sich eine Investition nicht mehr lohnt und jede weitere Investition den Verlust nur noch vergrößert. Der Sprint gerissen ist. Der Kollege seine abhängige Aufgabe nicht mehr schaffen kann. Das Projekt unwirtschaftlich wird. Man nicht mehr rechtzeitig nach Hause kommt. Eine Beziehung zerstört ist. Man beginnt, die Einstellung des Mitarbeiters zu bereuen. Die anderen Chancen, die man mit der gleichen Investition hätte realisieren können, zunichte sind. Der Aktienkurs endgültig abstürzt. Man pleite ist. Man unaufhaltbare (negative) Konsequenzen verursacht hat.

Aber was, wenn hinter dem nächsten Hügel tatsächlich das Ziel ist?

Sehen Sie? So fängt es an… und so hört es auf.

Besser, Sie kennen den Point of No Return, wissen immer, wo sie in Bezug auf ihn sind, und kehren davor um.

Hört sich leicht an? Nein, das ist nach all den sozialen Aspekten eine der schwierigsten Aufgaben im Management überhaupt.

Haben Sie eigene Beispiele für Receding-Horizon-Situationen? Dann würde ich mich über einen Kommentar zu diesem Eintrag freuen.

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